When will I be famous?

Ich hatte letzte Nacht kinderfrei. Normalerweise sollte man das gebührend feiern, es krachen lassen, sich mal nach langer Zeit mit einem Mann auf ein Date treffen, nett essen gehen, sich einladen und den Abend gemeinsam ausklingen lassen. Wie auch immer das aussehen mag.
Stattdessen ziehe ich meine Jogginghose an, gieße mir ein Glas Wein ein, mache mir eine Wärmflasche, weil ich Rücken habe. Es ist Donnerstagabend und Mutti schläft um 20 Uhr vor dem Ferseher ein. So ein „Mamasyndrom“. Nächsten Morgen, kein Wecker um 6.40 Uhr, Emily hat ja bei einer Freundin übernachtet. Also mal ausschlafen bis 9.30 Uhr. Das ist wie Weihnachten und Ostern zusammen, ich genieße es in vollen Zügen. Ihr wisst, wovon ich spreche. Diese Ruhe, keine schlechte Laune am Morgen, kein Gemecker, weil die „schwarze Hose“ nicht gewaschen ist, weil ich sie zu späte geweckt habe, weil ich nicht den Fahrdienst spiele. So springe ich wie ein junges Reh gegen 10 Uhr aus dem Bett, Jogger an, Kaffee gekocht. Laptop hochfahren, denn ich muss die Zeit nutzen, um hier am Blog zu arbeiten. Um 12.40 Uhr ist die Schule zu Ende, und ich habe Emily versprochen, sie am letzten Schultag vor den Herbstferien abzuholen.
Ich merke nicht, dass die Zeit wie im Fluge vergeht. Und dann ist er da, der Moment, in dem du realisierst, dass du vergessen hast, dein Kind abzuholen. Du hast schlichtweg die Zeit vergessen, warst so in deine Arbeit vertieft ohne auch nur 1x auf die Uhr zu schauen.
Aber du wirst mit dem Anruf des kleines Mäuschens in die Realität zurück geholt, denn es kreischt in den Hörer: „Mama, wo bist du? Hast du auf die Uhr geschaut? Mir ist kalt.“ Ich habe keine Möglichkeit, auch nur einen Satz der Erklärung abzugeben, denn das  hormongesteuerte Kind wurde zum Tier. So lege ich auf und schreibe nur eine whats app mit den Worten: “ Stehe im Stau, bin in 5min da.“ Normalerweise bräuchte ich mindestens 50min, um mein Gesicht, meinen Körper zu restaurieren und einigermaßen tageslichtauglich zu sein. Sattdessen ziehe ich meinen genialen Hoodie an, der mich um ein Vielfaches aufwertet, der ablenkt von meinen Haaren, die wie explodiert aussehen, meinem Gesicht, das noch immer die Falte meines Kissens trägt und von meiner Jogginghose, die inzwischen am Hintern sitzt, als würde ich eine Windel tragen, so ausgebeult ist sie. Aber dieser Hoodie mit dem Print „FAMOUS“, den mir meine liebste Freundin Nadine zu meinem Geburtstag geschenkt hat, läßt mich erstrahlen, ich fühle mich sicher, schön und für einen Moment berühmt. So fahre ich mit diesen Gedanken und mit dem Song „When will I be famous“ von Bros Richtung Schule, um das Mäuschen samt Anhang abzuholen. Dann steigt sie ein und sagt: „Mama, du siehst einfach cool aus.“ Und ich denke, ja, Kleider machen zwar Leute, Hoodies und Jogginghausen aber auch. Die Promimütter machen es ja genauso, und landen mit ihrem Look auf einem Titelbild einer Zeitschrift, ich bin für einen Moment die coolste Mutter.
Was will man mehr?

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Ich heiße Sandra, bin 43, Sternzeichen Waage. Ausgeglichen bin ich, aber auch manchmal wie ein Fähnchen im Wind, schmeiße gerne Pläne innerhalb kürzester Zeit um, sehr zum Ärger meiner Familie, die sehr strukturiert ist.

3 Comments

  • Ich bin zwar keine Mama (außer man zählt zweifache Hundemama dazu), aber die Geschichte ist so süß geschrieben, da fühlt man direkt mit 🙂 Außerdem hat sie mir meinen Sonntagmorgen versüßt, danke dafür! Liebe Grüße, Ju xx

    • Liebe Julia, das freut mich sehr. Schön, dass ich dir deinen Morgen versüßt habe. Ich hoffe, dass die nachfolgenden Geschichten das vielleicht auch tun. Lieben Gruß, Sandra

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