Peinliche und coole Inkonsequenz

Ich bin so froh über die Resonanz unseres Blogs, obwohl ich bis jetzt fast alles alleine geschrieben habe. Emily befindet sich in einer künstlerischen Pause, so drücke ich es mal aus. Die Realität nennt sich wild um sich schlagendes Tier in Pubertätsform. Ich denke, ihr wisst was ich meine. Die Laune kann sich minütlich ändern. Zur Zeit findet sie mich peinlich. Wie ist es dazu gekommen? Ein Junge aus ihrer Schule, mit dem sie seit einiger Zeit auf Whats app schreibt, hat mich bei Instagram abonniert. Plötzlich kam ein Aufschrei aus ihrem Zimmer, als hätte ich ihr alle elektronischen Geräte auf Lebenszeit entzogen. „Mamaaaaaaaaaa, ich will nicht, dass du mit XXX. befreundet bist!!!! Lösche ihn auf Instagram, das ist peinlich, warum hast du seine Anfrage angenommen?“
Ich fragte mich, welche Anfrage, denn mein Account ist öffentlich, da ich mich gerne mit vielen anderen Leuten vernetzen und an meinem Leben teilhaben lassen möchte. Ich fotografiere und schreibe aus Leidenschaft. Mein Job ist sehr spannend und abwechslungsreich, mein Leben als Mutter heiter bis wolkig, mit immer wieder kehrenden Turbulenzen, Jetstreams und orkanartigen Böen. Eine Frau und Single bin ich auch noch. Viel Stoff zum schreiben. Aber das Leben ist nun mal kein Ponyhof, wer sagt schon, dass es einfach ist?
Ich freue mich über Fans und Follower jeden Alters, wer hört das nicht gerne, dass man eine coole Mutter und Frau ist? Und genau das findet XXX. auch, ebenso wie etliche ihrer Freundinnen und Mitschüler.
Ist das bei euch Mamas auch so? Die eigenen Kinder sind nur peinlich berührt, es gibt kein Küssen mehr vor der Schule, am liebsten würde mir Emily die Sachen raus legen, wenn ich mal einen Termin bei ihrer Lehrerin habe. Dabei renne ich nicht schreiend über die Schulgänge, trage keine, mir viel zu kleine und nicht meinem Alter entsprechende Kleidung, bei der Guido Maria Kretschmer sagen würde, dass die Sachen nichts für mich tun. Nein, ich finde mich gut, so wie ich bin, musste lernen, mich selbst zu lieben. Ich bin eine coole, entspannte, modische Frau und Mutter, leider aber total inkonsequent.
Erst vor kurzem habe ich gerne noch mal einen Umweg zur Schule gemacht, da Emily dann doch ihren Schlüssel vergessen hatte. Ich hatte sie an dem besagten Morgen mindestens 3x gefragt, ob sie ihn denn eingesteckt hätte. Es kam nur: „Mama, du nervst, ich habe ihn eingesteckt. Wie oft denn noch?“ Ich atmete tief in den Bauch, nippte an meinem Kaffee, während ich wieder einmal den Fahrservice spielte. Es war Zeit für den „Sonnengruß“ oder einfach für „ ich schreie wild, während ich wie eine Irre auf das Lenkrad haue.“ Da saß es wieder, das hormongesteuerte Pubertier, welches sich am und im Körper meiner Tochter festgebissen hatte.
An der Schule angekommen, fragte ich dann noch einmal, ob der Schlüssel wirklich in der Tasche sei. Ich erwartete wieder eine entnervte und freche Antwort, stattdessen kam ein Schluchzen. Welche Überraschung? Der Schlüssel war nicht da. Er hatte niemals den Weg in den Rucksack gefunden, denn den Tag zuvor musste die Lady ja mit einer „Longchamp“ Tasche zur Schule.
Ich schnappte nach Luft, als hätte ich das Empire Statebuilding erklommen. Früher hätte ich geschrien, vor Ärger, vor Zorn, weil nichts klappte.
Heute reagiere ich meist mit Ruhe und gehe eine Runde im Wald laufen, wenn ich den Wald schon um die Ecke habe. Vielleicht sollte ich doch mal mit Yoga anfangen?
Ich bin eines leider noch immer nicht: konsequent. Ich hatte wirklich einen wichtigen Termin an diesem Tag und sagte Emily, dass sie dann eben vor der Tür warten muss. Fest entschlossen fuhr ich wieder nach Hause, um mich für meinen Termin fertigzumachen, aber schon auf dem Rückweg überlegte ich mir, den Schlüssel bei der Direktorin zu hinterlegen.
Ich brachte es wieder mal nicht fertig, es durchzuziehen. Ist das Inkonsequenz? Wie kann man es lernen, einfach mal hart zu bleiben und das „Angedrohte“ durchzuziehen?
Hat man als allein erziehende Mama oft ein schlechtes Gewissen, weil man eben keine Familie mehr mit Mama, Papa und Kind ist? Dazu möchte ich keine ellenlange Ratgeber lesen, denn jedes Kind ist individuell. Für Tipps und Tricks bin ich mehr als dankbar. An dieser Stelle schreibt mir gerne und erhellt mich, denn dafür soll mein/unser Blog auch sein, für den Austausch.

Also bin ich mit „quietschenden Reifen“ an der Schule vorgefahren. Oh Wunder, es war gerade eine Pause. Perfekt, denn dann konnte ich Emily den Schlüssel persönlich bringen und ihr wieder einmal den Willen erfüllen. Instinktiv schaute ich an mir runter. War das tauglich, um durch die Masse der Schüler hindurchzugehen? Ja, sehr cooles Outfit, bestehend aus Blazer, schwarzer Hose, Shirt mit Print und „Nike“ Turnschuhen. Perfekt für den Runway. So tigerte ich los, gewillt, mich durch die pubertäre Masse zu schlagen.
Als ich durch die Halle ging, sah ich schon die Blicke der älteren Mädels. Ich wurde abgecheckt und dachte nur: „Girls, chilled mal, ich könnte auch eure Mutter sein.“ Vorbei an „Longchamp“, „Ugg Boots“, „Nike“ und sämtlichen anderen Marken hörte ich nur Getuschel und die Frage, ob ich eine neue Lehrerin sei. Ich wollte tatsächlich mal Lehramt studieren, stattdessen kümmere ich mich heute um die großen und kleinen Kinder und Passagiere an Bord und habe meine Berufung gefunden.
Und kurz bevor ich den Laufsteg in Form des Schulganges verlassen und den Schlüssel bei Emily abgeben konnte ( ich fühlte mich wie ein Kurier), nahm ein Junge offensichtlich all seinen Mut zusammen und fragte mich: „Sind sie eine neue Lehrerin?“ SIE!!!!! Ich bin alt.
Ich verneinte es und fragte, wie er darauf käme. Er antwortete: „ Schade, sie sehen so cool aus, das wäre toll.“ Das war echt ein Kompliment. Ich sagte zu ihm: „Wäre ich deine Lehrerin, würdest du sofort ein Jogginghosenverbot in der Schule bekommen.“ Ihm fiel förmlich sein bereits verzehrtes Pausenbrot aus dem Gesicht. Liebe Jungs!!! Jogginghosen sind so etwas von uncool, genauso wie Caps, die so eng eingestellt sind, dass sie quasi auf dem Kopf liegen.
Ich bin für eine Schuluniform und würde diese mehr als begrüßen.
Endlich am Klassenraum angekommen, übergab ich die Ware an meine Tochter und nahm lieber den Hinterausgang der Schule.
Einsatz beendet, Ware übergeben, Kind glücklich gemacht.
So konnte ich meinen Termin dann auch wahrnehmen, ohne mir Gedanken machen zu müssen, wo das Kind denn 10 Minuten überbrücken muss.

Konsequenz muss mein 2. Vorname werden.

Der erste ist Sandra, und für heute verabschiede ich mich von euch.

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Ich heiße Sandra, bin 43, Sternzeichen Waage. Ausgeglichen bin ich, aber auch manchmal wie ein Fähnchen im Wind, schmeiße gerne Pläne innerhalb kürzester Zeit um, sehr zum Ärger meiner Familie, die sehr strukturiert ist.

2 Comments

  • Ah, Konsequenz… Schwieriges Thema… Ich war bei der Erziehung meiner Fellnasen in manchen Bereichen sehr konsequent (kein Betteln am Tisch!!!), aber in anderen Bereichen (nicht auf dem Schoß sitzen, während Frauchen am PC arbeitet) weniger konsequent. Wo zieht man da die Linie? Schöner Artikel, und als Trost – vor 10 Jahren im zarten Alter von 16 Jahren, waren mir meine Eltern meeegaaa peinlich. Heute bin ich eine stolze Tochter und teile das auch immer gern der Welt mit 😉 Liebe Grüße, Ju xx

    • Liebe Julia, vielen Dank für deinen Kommentar. Ich war mit 13 auch nicht wirklich die Tochter, die alles das gemacht hat, was meine Eltern wollten. (sagt meine Mutter)
      Freue mich, dass du meinen Blog gefunden hast. Liebe Grüße und einen schönen Wochenstart! Sandra

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