Früher war alles besser?

Wer kennt diesen Satz? Wenn die eigenen Mütter sich in die Erziehung des Kindes einmischen, gehen wir oft an unsere Grenzen. Meine Mutter: „Also früher hätte es das nicht gegeben“. Der Puls wird schneller. „Dein Kind ist total verwöhnt“. Meine Kehle schnürt sich zu. Weil jetzt der Satz kommt, den Blick auf mein Kind gerichtet. „So lange du deine Beine unter Mamas Tisch hast“…. Ich habe ihn früher schon gehasst, diesen Satz. Heute mache ich in Gedanken mal wieder eine Yogaübung, hole die imaginäre Säge heraus und säge einfach die Tischbeine ab.

Warum haben unsere Mütter immer diese Eigenarten, vergleichen unsere eigenen Kinder mit unserer Kindheit? Das ist so anstrengend und bringt mich regelmäßig zur Schnappatmung. Warum hat man in den Augen der Mütter alles falsch gemacht? Das ist hier keine Abrechnung mit meiner Mutter, aber vielleicht sollten unsere Mütter manchmal einfach die Sichtweise ändern. Meine Mama ist teilweise in den 80igern. Aber wir haben 2017.

Ich denke gerne an meine Kindheit zurück. Ein Kind, was im Osten aufwuchs. Ich sage immer gerne scherzhaft: „Wir hatten ja nüscht“, aber ich kann sagen, ich hatte die tollste Kindheit. Dennoch ist es heute einfach anders. Man kann eben nicht Äpfel mit Birnen vergleichen.

Vergleichen wir mal früher mit heute und zusätzlich die DDR mit einem vereinigten Deutschland.

Früher bin ich mit meiner Kindergartenfreundin Ina zusammen in einer Klasse gewesen. Wir sind jeden Morgen zusammen zur Schule gegangen. Wir sind Kinder der DDR, die Schule konnte man sich nicht so einfach aussuchen, wie heutzutage teilweise. Unser Schulweg war lang und was fehlte, war ein Auto. Denn auf Autos musste man gefühlte Jahrzehnte warten. Wir sind diesen Weg bei jedem Wetter gegangen, eine Strecke hatte ca. 3km. Manchmal mussten wir das Ganze auch doppelt laufen, wenn wir am späten Nachmittag noch eine AG hatten.

Heute werden die Kinder entweder gebracht, sie fahren mit dem Fahrrad, Bus oder irgendwann selbst mit dem Auto, wenn es auf die Abizeit zugeht. Mama ist das persönliche Taxi, jedenfalls kann ich das von mir behaupten.

Früher haben wir uns meistens schon in der Schule verabredet. Dann haben wir uns draußen getroffen. Oder wir haben von Balkon zu Balkon geschrien. Wenn man nicht in einem eigenen Haus wohnte, wohnte man in der Platte. So auch ich. Wir kamen vom spielen nach Hause, wenn es dunkel wurde.

Heute verabreden sich die Kinder erst mal stundenlang per whats app, um dann doch nicht aus dem Zimmer herauszukommen. Wir Kinder haben uns erholt, heute wird gechillt, wie auch immer das aussehen mag. Das Zimmer gleicht einer Löwenhöhle, nicht weil da tolle Ideen entstehen, nein, weil der Hormonstau ausgeschwitzt und das Fenster auch dann nicht geöffnet wird, wenn das Atmen schon schwer fällt und die Scheiben von innen beschlagen.

Die Sicht auf materielle Dinge ist teilweise so erschreckend. Willst du dazu gehören, muss das neueste Smartphone her, mindestens. Morgens stehen die Kids stundenlang vor dem Kleiderschrank, damit das beste Outfit sie durch den Tag begleitet. Jedenfalls ist das bei den Mädchen meistens so. Vorbei die Zeiten, in denen ich ihr die Sachen herauslegen durfte. Mit dem Auszug von Hello Kitty und Co wurde mir auch die Lizenz zum „Sachenherauslegen“ entzogen.

In meiner Kindheit gab es nicht viel Auswahl. Hattest du einen tolles Oberteil, konntest du damit rechnen, dass jedes zweite Mädchen dieses T- Shirt trug. Die Formel lautete: „Masse statt Klasse“. Wir konnten uns glücklich schätzen, da wir sogenannte Westverwandtschaft in Pinneberg hatten. Regelmäßige duftende Pakete aus der Ecke versüssten uns die Kindheit. Erst neulich habe ich mit meiner lieben Freundin Ina ( wird sind noch immer befreundet) über den tollen Duft im Intershop geredet. Dieser Geruch von Westen und Freiheit, den wir, so dachten wir zu dem Zeitpunkt,niemals in der Realität einatmen könnten.

Wenn ich heute meinem Kind erzähle, wie wir aufgeregt an Weihnachten um das Paket aus Pinneberg herumsaßen, mein Papa stundenlang diese verdammte Paketschnur entknotete, weil wir sie aufgehoben haben, ernte ich nur Unverständnis und verdrehte Augen. Ja, sogar das Geschenkpapier wurde aufgehoben und vor dem nächsten Gebrauch gebügelt, damit es wieder schön und wie neu aussah. Heute wird es aufgerissen und einfach da liegengelassen, wo man das Geschenk seiner Verpackung entrissen hat. Das Jugendzimmer gleicht einem Massaker. Jugendzimmer: ein schöner Ausdruck von früher. Ich hatte eine rote Doppelbettcouch, die die Wende und alle darauffolgenden Jahrzehnte überstanden hat. Das rote Sofa gibt es immer noch, bei meinen Eltern im Büro. Früher knutschte ich mir den Mund wund, wenn ich mit meinem Schulfreund auf dem Ding lag. In diesem Sommer durfte ich auf dem Ding schlafen, habe mich fast wund gelegen, die Nackenstarre gab es inklusive, weil das Kopfteil so hoch ist. Im Sitzen zu schlafen wäre die bessere Lösung gewesen. Aber es liegen ja auch fast 30 Jahre dazwischen. Mit Mitte 40 hat man gerne mal Rücken und muss nachts mal raus und überhaupt. Früher wollten wir nie ins Bett, heute freuen wir uns über einen Powernap.

Wie sieht es denn eigentlich mit der Aufklärung auf? Ich kann mich erinnern, wie wir gelacht haben, als das Thema Sexualität in der 8. Klasse behandelt werden sollte. Meine Mutter wollte mich mit 13 aufklären, es war mir so peinlich. Ich wusste natürlich schon, dass man vom Küssen nicht schwanger werden kann. Den ersten Kuss gab es von meinem Jugendschwarm Torsten, auf der Klassenfahrt in Polen. Der Kuss war laut, sodass ihn jeder hörte. Wir waren auch länger ein Paar, obwohl es nicht über das Knutschen hinausging. Erschreckend, dass manche Kinder schon mit 13 ihr „erstes Mal“ haben.

Ich möchte, dass es bei meinem Kind noch so lang wie möglich dauert, bis Mitte 20. Ist das denn zu viel verlangt? Einmal sollen die Kids von heute doch auch mal auf ihre Mütter hören!

Okay, ich hatte mein erstes Mal mit 16. So Mama und Papa, jetzt wisst ihr es auch. In der Finnhütte bei euch im Garten, da habe ich mir damals den Schlüssel geklaut und mir es mit meinem Urlaubsflirt Steffen aus Sachsen gemütlich gemacht. So lange er nicht redete, war es okay. Das erste Mal war und ist zwar etwas Besonderes, aber schön wohl eher selten. Im Laufe der Zeit ändert es sich dann ja, zum Glück!

Ich hätte mir damals eine  bessere Aufklärung gewünscht.Sex gehört zum Leben dazu wie das Essen und Trinken. Da wurde mit davorgehaltener Hand darüber gesprochen und gefühlt nur an gewissen Wochentagen durchgeführt. Eltern haben keinen Sex mehr, so habe ich als Kind auch immer gedacht und es als ekelhaft empfunden. Die Eltern sind alt und reiben die „faltigen“ Körper (aus Kindersicht) nicht aneinander. Heute gehe ich mit diesem Thema offener denn je um. Und auch die Erkundung des eigenen Körpers ist das Normalste der Welt. Warum wurde das Thema Selbstbefriedigung niemals angesprochen? Es ist nichts Schlimmes, denn niemand außer man selbst, kennt seinen Körper am besten. Ich glaube, spätestens jetzt fallen meine Eltern von der Couch. Ich habe damals euer Gespräch belauscht, als ihr darüber geredet habt. Ja, ich habe gute Gefühle früh erkannt, nur damals dachte ich, dass es etwas ist, was man nicht tut. Doch, man soll und darf sich berühren, natürlich nicht in der Öffentlichkeit. Aber das wissen wir ja.

Auch wenn die Frage nach dem „Mama: hatten Papa und du eigentlich Sex“? für mich viel zu früh kam. Im zarten Alter von 9 Jahren, morgens um 7 Uhr an der Ampel, auf dem Weg zur Schule. Mama war müde und hatte gerade erst mal einen Kaffee intus. In diesem Moment endete die Ära der Biene und ihrem Gefolge. Vier Jahre später ist meine Tochter komplett aufgeklärt, sie darf mich immer und alles fragen, aber erst nach 7 Uhr morgens. Das tut sie auch, mit der immer endenden Frage: „Mama, hast du das auch gemacht“?. Das ist schon sehr lustig, weil sie genau sieht, wie meine Reaktion darauf ist.

In meiner Kindheit wusste ich nicht, dass Frauen Frauen und Männer auch Männer lieben können und dürfen. Sie waren Randgruppen, die es schon in der DDR gab, die ihre Liebe aber niemals öffentlich ausleben durften. Die Aufklärung der Kinder heute enthält auch, dass es eben die Liebe unter gleichgeschlechtlichen Paaren gibt, und das ist so wunderbar. Es ist eben normal und keine Krankheit, wie es in vielen Köpfen noch heute fest verankert ist. Ich freue mich so, dass auch diese Menschen jetzt ganz offiziell die Ehe eingehen dürfen. Und auch das habe ich meiner Tochter vermittelt. Für sie ist es normal und schön. Sie hat schon einige meiner schwulen und lesbischen Freunde und Kollegen kennengelernt und ist begeistert. Liebe Eltern, es ist okay, wenn eure Kinder das gleiche Geschlecht lieben. Sie sind eure Kinder und werden es auch immer bleiben. Liebe kennt keine Rasse und kein Geschlecht!

Eine Erinnerung, die sich in mein Hirn eingebrannt hat: Einer meiner Mitschüler hatte damals eine Postkarte von New York in der Hand, wie auch immer sie den Weg zu ihm und seiner Familie gemacht hatte. Zu sehen waren die Zwillingstürme, die es leider nicht mehr gibt. Was für uns damals unmöglich schien, ist heute erreichbar. Ich habe mir meinen Traum 1995 erfüllt und habe ein Jahr in Amerika gelebt und als Aupair in einer Familie und gearbeitet. Das möchte und werde ich meinem Kind auch ermöglichen.

Früher haben wir unbeschwerter gelebt, aber heute ist einfach eine andere Zeit. Eines sollen wir unseren Kindern ermöglichen: eine gute Kindheit, mit Höhen und Tiefen, an ihrer Seite.Damit meine ich nicht materielle Sachen. Liebe kann man mit keinem Geld bezahlen. Wir müssen lernen, ihnen zu vertrauen, auch Hinfallen und schlechte Noten in der Schule gehören mal dazu. Permanente Kontrolle und Verbote führen oftmals nicht zum gewünschten Erfolg, wie manche Eltern noch immer denken. Konsequenz hat für mich nichts mit Kontrolle und Verboten zu tun. Dann machen sie Sachen heimlich und vertrauen sich ihren Eltern gar nicht mehr an. Ich bin auch mal inkonsequent, ich stehe dazu. Auch ich lerne jeden Tag dazu, gerade in der jetzigen Zeit, in der der Körper und das Verhalten meiner Tochter oftmals fremdgesteuert wirken.

Wir verleihen unseren Kindern Flügel, aber das Fliegen müssen und werden sie alleine lernen.

 

Viel Geduld, Kraft und Liebe!

Eure Sandra

 

 

 

 

 

 

 

 

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Ich heiße Sandra, bin 43, Sternzeichen Waage. Ausgeglichen bin ich, aber auch manchmal wie ein Fähnchen im Wind, schmeiße gerne Pläne innerhalb kürzester Zeit um, sehr zum Ärger meiner Familie, die sehr strukturiert ist.

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