Die Weihnachtszeit- früher und heute

Im Moment bin ich körperlich extrem eingeschränkt. Aber auch ich muss ja mal raus, sei es zum Arzt oder unseren Kühlschrank mit Lebensmitteln auffüllen. Hier wohnt ja noch ein Kind mit seinem Mitbewohner. Im Moment hat der sich zum Glück zurückgezogen. Eingezogen ist eine fette Erkältung. Das hat zur Folge, dass die herumliegenden Socken gerne gegen „vollgerotzte“ Taschentücher ausgetauscht werden. Ich liebe mein Kind, insbesondere dann, wenn mir ausführlich erklärt wird, welche Farben der Inhalt des Taschentuchs hat. Waren wir anders als Kinder? Wohl nicht.

Während mein Kind und ich versuchen, einen Termin beim Arzt zu bekommen, fällt mir eines auf. Wir haben nur noch wenige Tage bis Weihnachten. Die Zeit wird knapp, egal wo du bist. Die Leute drehen ab, denn ab morgen gibt es nichts mehr. Die Regale werden dann nicht mehr bestückt, es wird alles verkauft sein. Genervte Leute, wo man auch hinschaut. An der Kasse im Supermarkt hat man permanent den Atem seines Hintermannes im Nacken, meine Schuhe haben Abdrücke von Einkaufswagen aller Art und aus jedem Supermarkt. Es herrscht Ausnahmezustand in den Parkhäusern. Ich könnte permanent schreien, weil ich diese gernervten Menschen einfach nicht mehr ertragen kann. Wer sind meistens die Schlimmsten? Die Rentner, denn sie haben keine Zeit. Das sehe ich immer wieder bei meinen Eltern. Der Tagesablauf ist durchstrukturiert, sonst würde nichts klappen. Meinen sie. Meine Mama hat schon alles bis ins kleinste Detail durchgeplant, wie Weihnachten abläuft. Und dann komme ich, die gerne Pläne umschmeißen mag. Wir können eben nicht alles im Leben planen, obwohl gerade pubertierende Teenager ganz klare Strukturen brauchen.

Ich werde immer etwas emotionaler um die Weihnachtszeit. Vor einigen Tagen habe ich mit einem lieben Freund über meine Kindheit in der DDR gesprochen. Wie war unser Weihnachten damals? Meine Mama kommt aus einer Kapitänsfamilie, ihr Onkel wohnte damals in Pinneberg bei Hamburg. So freuten wir uns wahnsinnig, dass vor Weihnachten das Westpaket kam. Es wurde natürlich erst am 24.12. geöffnet. Mein Vater brauchte dafür gefühlte Stunden, da das Paketband oder die Schnur, wie wir sie nannten, natürlich aufgehoben worden ist. Geschenke aufreissen? Fehlanzeige!!! Das Geschenkpapier wurde aufgehoben und gebügelt, damit es wie neu aussah.

Ein ganz wichtiger Hinweis auf dem Paket war: „Geschenksendung- keine Handelsware“. Ansonsten fand das Paket erst gar nicht den Empfänger und wurde einbehalten. Natürlich haben wir auch Wunschzettel geschrieben. Auf ihnen standen aber nicht Sachen wie „Barbie“, „Lego“ und Co., sondern Oberbegriffe wie Puppe, Fahrrad, Bücher. Das Schenken war ein großes Problem, denn aufgrund der Planwirtschaft gab es so gut wie keine privaten Produktionen. Es herrschte ein Mangelzustand aller Waren, der permanent anhielt. Was blieb unseren Eltern anderes übrig, als wochenlang nach unseren gewünschten Sachen rumzulaufen und sich in extrem lange Schlangen in den sogenannten Kaufhallen anzustellen, um am Ende dann wahrscheinlich noch leer auszugehen. Ein großer Vorteil war, wenn man die Verkäuferinnen kannte, die Sachen zurückhielten, unter dem Tresen. Das war die „Bückware“, die man nur durch Beziehungen bekam.

Frisches Obst? Gab es fast nie. Für Bananen musste man lange stehen. Den alten Witz, warum die Bananen krumm sind, kennen wir ja alle. Sie haben einen Bogen um die DDR gemacht. Nicht selten kam es zu Rangeleien, wenn es denn mal Orangen aus Kuba gab. Sie waren kaum geniessbar, Fäden zwischen den Zähnen nach Verzehr gab es gratis dazu. Wir fuhren vor Weihnachten immer zu meiner Tante nach Berlin, um die leckeren Orangen zu bekommen. Auch wenn es Ostberlin war, es gab gefühlt alles, was es im Rest der Republik nicht gab. Über 6 Stunden hin und zurück für Obst, kaum vorstellbar heute.

Wenn dann im Westpaket noch leckere Schokolade, Kaffee, Strumpfhosen und coole Sachen zum Anziehen waren, war Weihnachten perfekt. Wie es duftete, wenn mein Vater das Paket endlich öffnete. Diesen Geruch habe ich auch noch nach so vielen Jahren in der Nase. Tonnenweise Seife kam zum Vorschein, die wir nicht zum Händewaschen nutzten, sondern zwischen der Wäsche deponierten, damit diese gut roch. Das macht meine Mama noch heute so. Ich gebe zu, ich auch manchmal. Manche Dinge habe ich einfach übernommen.

Natürlich hatten wir auch Weihnachtsbäume. Die gab es günstig und schon sehr früh zu kaufen. Wenn sie nicht mit Üppigkeit glänzten, wurde aus zwei Bäumen einfach einer gemacht, also Äste angeklebt. Das gute Blei- Lametta aus Pinneberg bügelte meine Mama ordentlich, damit mein Vater es dann auf dem Baum verteilen konnte.

Auch wenn das Erzgebirge quasi um die Ecke war und noch heute als Hochburg des Schnitzens bekannt ist, gingen viele Produkte wie Räuchermännchen und Nußknacker in das „kapitalistische Ausland“. Wollte man auch so einen feschen Nüsseknacker im Hausbestand haben, ging nichts ohne Beziehungen, oder es wurde selbst etwas gebastelt. Wir wussten uns irgendwie immer zu helfen.

Ich kann mich erinnern, dass ich schon wochenlang vorher alle Schränke im Schlafzimmer durchforstete, auf der Suche nach den Weihnachtsgeschenken. Natürlich waren meine Eltern auch nicht auf den Kopf gefallen und versteckten die Geschenke unerreichbar, nämlich im Keller. Meinem lieben Bruder muss ich heute sagen, ich war Diejenige, die seinen Adventskalender heimlich von hinten öffnete und den einen oder anderen Inhalt, der aus Schokolade bestand, vernaschte.

Die Staatsführung versuchte, den Begriff Weihnachten aus den Köpfen und dem Bewusstsein der Bürger zu verdrängen. Auch wenn ich keiner Religion angehöre, gehe ich gerade an Heiligabend auch mal gerne in die Kirche. Warum? Weil diese Atmosphäre für mich etwas Magisches hat, auch außerhalb von Weihnachten. Früher mussten Kirchenveranstaltungen angemeldet werden. Mitglieder der Kirche wurden abgehört und hatten oftmals berufliche Nachteile zu erwarten. Das erklärt auch, warum viele Menschen aus der Kirche ausgetreten sind. Religion war wie eine Privatsache und fand im öffentlichen Raum einfach nicht statt. Der Glaube war total verpönt. Zum Glück kann heute jeder seinen Glauben ausleben, in einem freien Land. Trotzdem feierten wir DDRler immer Weihnachten – als ein Fest der Familie.

Nach der Bescherung am 24.12. gab es den klassischen Kartoffelsalat mit Würstchen, den es natürlich bis heute noch gibt, genauso wie die Weihnachtsgans am ersten Feiertag, alles eben nur üppiger. Der Schnaps nach dem Essen darf nicht fehlen, natürlich nur für die Erwachsenen. Das Wichtigste für uns Kinder war aber die Familie und das Zusammensein. Heutzutage gibt es nur den Kosumrausch, die Wunschzettel der Kinder gehen ins Unermessliche. Würde es nach ihnen gehen, könnte man auch einen Kleinkredit aufnehmen. Wie viele Menschen sich verschulden, nur um den Kindern nahezu alle Wünsche zu erfüllen, möchte ich mir gar nicht ausmalen. Es geht um das Zusammensein, um diese wundervolle Zeit der Besinnung und nicht um Geschenke, die jedes Budget sprengen.

Ich freue mich auf Weihnachten, denn ich darf eines wieder und das jedes Jahr: Kind sein!

Habt eine schöne Zeit und denkt daran: Liebe ist mit keinem Geld zu bezahlen.

 

Eure Sandra

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Ich heiße Sandra, bin 43, Sternzeichen Waage. Ausgeglichen bin ich, aber auch manchmal wie ein Fähnchen im Wind, schmeiße gerne Pläne innerhalb kürzester Zeit um, sehr zum Ärger meiner Familie, die sehr strukturiert ist.

2 Comments

  • Vielen Dank für diesen Einblick. Du schreibst so schön anschaulich. Ich wünsche dir fröhliche Weihnachten und die Zeit davor so stressfrei wie möglich.
    Liebe Grüße, Julia

    • Liebe Julia,

      danke für deine Nachricht. Ich freue mir, dass dir mein Artikel und vielleicht auch die anderen gefallen. Wünsche dir auch ein wundervolles Weihnachtsfest.
      Liebe Grüße, Sandra

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