Die innere Uhr kennt keine Ferien

Es ist 6.30 Uhr, meine innere Uhr sagt: „Aufstehen, Schule, Kind wecken“! Oder liegt es daran, dass man mit zunehmendem Alter schon an seniler Bettflucht leidet? Kann auch schon ein Vorstadium sein mit 44, ähm 29+.

Also rolle ich mich langsam nach rechts, langsam in die Sitzposition. Mein Kreislauf muss erst mal in Schwung kommen, sonst schaffe ich den Weg vom Schlafzimmer zum inzwischen „Jugendzimmer“ nicht. Auf dem Weg dorthin ziehe ich mir fast noch einen Bruch zu, weil ich über die Schuhe des Kindes gefallen bin. Statt zu schreien, mache ich kurz den „Morgengruß“ und bereite mich auf meinen morgendlichen Gesang vor. „Guten Morgen Sonnenschein“ von Nana Mouskouri, ein Klassiker und bei heranwachsenden Teenagern der Gassenhauer schlechthin.

Ich öffne die Tür, fange an zu trällern. Wo sonst ein liebevolles: „Mama, hör auf dieses Lied zu singen, es nervt, du bist peinlich, ich will schlafen“! kommt, ertönt: Nichts! Keine Reaktion, kein Gekrähe, rein gar nichts. Und dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen, es sind Ferien. Das Kind ist bereits mit dem Vater im Urlaub. Sie kann nicht antworten, sie erklimmt sicherlich schon mit ganz viel Elan und chillig einen Berg. Sie hatte so richtig Bock auf den Urlaub. Sind unsere Kinder nicht herrlich? Du bietest ihnen einen Urlaub an, das Erste was kommt ist: „Das WLAN ist total schlecht da“. Da kann der Urlaub nur ein voller Erfolg werden. Gut, dass ich mich damit im Moment nicht herumärgern muss.

Mutti hat sturmfrei. Ich kann alles machen: Ausgehen, feiern, Daten ( bin ja schwer vermittelbarer Single). Die Welt steht mir offen. Soll ich alleine verreisen? Ein Kurztrip wäre doch super. Ach nein, kostet Geld. Wir waren gerade erst in Amerika, der Urlaub war teuer genug. Mallorca ruft auch Anfang August. Da kommt dann wieder die „Anstands- Sandra“ durch.

Aber so eine Ü40 Party ( habe ich das wirklich geschrieben) wäre doch mal der Kracher. Aber da sind auch nur die Reste, die keiner haben möchte. Ich gehöre ja auch dazu. Eine Party habe ich mal mitgenommen. Am Eingang musste ich meinen Ausweis vorzeigen, weil der „Möchtegerneinlasser“ nicht glauben wollte, dass ich bereits ein Leben jenseits der 29+ führte.

Also so eine Party brauche ich nicht noch einmal. Also, was mache ich mit meiner freien Zeit und dem fehlenden hormongesteuerten Kind?

Ich treffe mich mit einer Freundin. Wir gehen essen, etwas trinken und reden über: unsere Kinder. Herrlich oder? Und es gibt einfach so viel zu erzählen, jeden Tag eine neue Geschichte.

Sie waren doch eben noch so klein, haben so wundervoll gerochen, außer wenn sie mit voller Wucht in die Windel gedonnert haben und man teilweise voll vermummt in den „Wechsel die Windel Krieg“ gezogen ist.

Und jetzt kämpfen wir gegen den Feind, der sich liebevoll Pubertät nennt, der unsere Kinder besetzt und aus ihnen teilweise in Sekunden ein hormongesteuertes Monster macht.

Es schreit, es brüllt, es kennt keine Türklinken. Es will chillen. Wir dürfen unsere Kinder nicht mehr küssen und schon gar nicht vor den anderen Schülern. Den Chauffeur darf ich gerne jeden Tag spielen, aber bitte nicht direkt vor der Schule absetzen. Peinlich! Und Sender wie NDR2 sind eh nur was für Alte. (Ahhhh, da gehöre ich auch dazu, aber der Verkehrsservice ist super, weil er nie aktuell ist und die Musikauswahl einer Dauerschleife gleicht).

Da sitzen wir: 2 Singlemamas, wir könnten den (nicht vorhandenen) Männermarkt abgrasen, stattdessen reden wir mit gebrochener Stimme über unsere Mäuschen. Das sind sie ja: unsere Kinder und werden es immer bleiben, auch wenn die Pubertät uns die nächsten Jahre an die Grenze des Wahnsinns bringen wird und ich der neue Stern am Yogahimmel sein werde. Sonnengruß, Mittagsgruß, Antistressgruß, Pubertätsgruß, eine neue Grußwelle wird die Yogastudios überrollen.

( Ich denke wirklich darüber nach, mit Yoga anzufangen).

Es ist Samstagabend, ich könnte jetzt so richtig auf die Rolle gehen. Stattdessen gehe ich nach Hause, freue mich auf meine Jogginghose und meine Couch und bin außer mir vor Freude , dass da niemand ist, der meine Couch platt drückt und mit dem ich Händchen halten muss. Das soll natürlich nicht heißen, dass ich mich nicht über einen neuen Partner freuen würde. Aber mit zunehmendem Alter fällt es immer schwerer, viele Kompromisse zu machen. Ich liebe die Mädels WG, die meine Tochter und ich haben. Zusammenziehen mit einem Mann? Eher nicht, die Zahnbürste darf er da lassen. Und während ich darüber nachdenke, wie das wohl aussehen würde, wenn ein Mann da wäre, denke ich: „Da könntest du jetzt nicht den BH so unter deinem Tshirt ausziehen“, ihr Frauen wisst genau, was ich meine. Da muss man sich lasziv auf der Couch drapieren, am besten im kleinen Schwarzen, jedenfalls in den Anfängen.

Das brauche ich im Moment nicht: Jogger an, bequemes Shirt, abschminken, Rotwein ins Glas und vor dem Fernseher einschlafen.

Eines vermisse ich in diesem Moment: mein Mäuschen. Aber sie ist ja gut aufgehoben, Wlan funktioniert jetzt doch, denn sie schreibt und überflutet mich regelrecht mit Snaps. Und damit kenne ich mich so gar nichts aus. Egal, ich freue mich, wenn sie wieder da ist, obwohl die Hormonschwankungen wohl sicherlich nicht lange auf sich warten lassen.

In diesem Sinne wünsche ich euch tolle Ferien und schreibe im nächsten Artikel mal, woran ihr erkennt, dass die Pubertät euer Kind besetzt hat.

Eure Sandra

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Ich heiße Sandra, bin 43, Sternzeichen Waage. Ausgeglichen bin ich, aber auch manchmal wie ein Fähnchen im Wind, schmeiße gerne Pläne innerhalb kürzester Zeit um, sehr zum Ärger meiner Familie, die sehr strukturiert ist.

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