Der lange Weg zu einer Familie – ein homosexueller Vater erzählt

 

Ich arbeite seit einiger Zeit im „Müttermagazin“ in Hamburg als Praktikantin. Alles rund um den Journalismus zu erfahren, ist für mich das Schönste, was mir passieren konnte.

Es macht so viel Spaß. Jetzt habe ich mich an ein Thema gewagt, was für mich Normalität ist, leider aber noch lange nicht für die Gesellschaft. Lest selbst, was ein homosexueller Vater zu erzählen hat.

Immer mehr gleichgeschlechtliche Paare wünschen sich ein eigenes Kind. Der Weg dorthin ist steinig, fast unmöglich, auch durch die rechtliche Situation. Für mich gibt es keine Frage, denn gleichgeschlechtliche Paare können genauso wundervolle Eltern sein wie Frau und Mann. Meines Erachtens ist es die Gesellschaft, die im Jahre 2017 noch immer mittelalterliche Vorstellungen hat.

In Zeiten von Trump und seiner Abneigung gegen schwule Männer, könnte es in Zukunft auch diesbezüglich eine Gesetzesänderung geben, die eine Leihmutterschaft verbietet.

Haben homosexuelle Männer überhaupt den Hauch einer Chance, sich den Wunsch nach einem eigenen Kind zu erfüllen? Welche Hürden müssen sie auf dem Weg dorthin nehmen?

Ich habe das große Glück gehabt, mit einem Vater zu sprechen, der mir erzählt hat, wie er und sein Partner Eltern einer wundervollen Tochter geworden sind.

Aus Rücksicht möchte er aber anonym bleiben.

Müttermagazin: „Wie seid Ihr Väter geworden?“

B.: „Wir sind über eine Eizellspende und Leihmutterschaft Väter geworden. Die Agentur der Leihmutter ist in den USA. Sie ist zuständig für das Finden der Leihmutter, dem Leihmutterschaftsvertrag, Screening der Leihmutter etc.“

Müttermagazin: „Wie sieht es mit der Wahl der Klinik aus?“

B.: „Die Agenturen arbeiten mit Kliniken zusammen, die den medizinischen Teil übernehmen. Dazu gehören zum Beispiel Befruchtung der Eizellen, Hormontherapie der Leihmutter und der Eizellspenderin, Embryotransfer, Medikation, Untersuchungen in den ersten 3 Monaten der Schwangerschaft.“

 

Müttermagazin: „ Welche Kosten kamen da bereits auf euch zu?“

B.: „Die Agentur bekommt für die Vermittlung und Bürokratiearbeit ca. 30000 Euro, zzgl. der Kosten für den Rechtsanwalt, der zuständig ist für die Erstellung des Vertrages.

Die Klinikkosten belaufen sich auf die Gesamtkosten von 30-40000 Euro.“

Müttermagazin: „ Das ist wirklich viel Geld, welches man, auch im Vorwege schon, investieren muss. Habt ihr euch nach Alternativen umgehört? Kann man da im Netz fündig werden?“

B: „Wir haben nach einer günstigen Alternative gesucht und sind im Internet zufällig auf eine Klinik in Nordzypern gestoßen. Die medizinischen Kosten inklusive der Kompensation für die Eizellspenderin beliefen sich auf 18-20000 Euro. Im Gegensatz zur USA war das ein Ersparnis von bis zu 20000 Euro.“

Müttermagazin: „Hat die Klinik vor Ort eine Agentur, an die ihr euch wenden konntet?“

B: „Die Klinik in Zypern arbeitete mit einer Agentur in den USA zusammen. (zum Finden der passenden Leihmutter).“

Müttermagazin: „Wie kann man sich das als Laie vorstellen? Welchen Einfluss hattet ihr bei der Wahl der Spenderin?“

B: Die Eizellenspenderin durften wir leider aus gesetzlichen Gründen nicht persönlich kennenlernen. (In den USA kann man die Eizellspenderin kennenlernen. Das ist legal ). Man erhält Basisdaten wie Körpergröße, Gewicht, Augenfarbe, Bildungsstatus und Erkrankungen ( in der Familie), sowie Herkunftsland. Nach diesen Kriterien kann man sich eine Eizellspenderin aussuchen.“

Müttermagazin: Was kommt dann auf die Eizellspenderin zu? Welchen Untersuchungen muss sie sich unterziehen?

B.: „Sie unterzieht sich einer Hormonbehandlung, die ca. 4 Wochen dauert.

Danach werden ihr die produzierten Eizellen und mit den Spermien befruchtet.

Wenn man möchte, kann man die Embryos nach der Befruchtung auf mögliche Gendefekte untersuchen und aussortieren lassen. (PGD heißt der sog. Test.) In diesem Zusammenhang kann auch eine Geschlechterbestimmung durchgeführt werden. Dieser Test ist freiwillig und mit Extrakosten verbunden. Allerdings ist auch eine komplikationslose Schwangerschaft von der Qualität und Gesundheit der Embryos abhängig (Fehlgeburt etc), sodass wir uns dafür entschieden haben.“


Müttermagazin: „Erhält die Spenderin eine Art Kompensation?“

B.: „Ja, die Spenderin erhält ca. 4000 Euro.“

Müttermagazin: „Wie geht es dann weiter?“

B.: „Je nachdem wie viele befruchtete Eizellen zu Embryos herangewachsen sind, werden die getestet. Man erhält danach eine Information, wie viele benutzbare Embryos man erzielt hat.
Diese werden eingefroren.“

Müttermagazin: „Kam eure Leihmutter auch aus Zypern?“

B.: „Nein, sie kam aus Amerika. Da die Klinik auf Zypern war, flog diese nach Zypern zum Transfer.

Es erfolgte eine Untersuchung der Gebärmutter, damit festgestellt werden konnte, ob die erfolgte Hormonbehandlung angeschlagen hatte und wann der Embryotransfer erfolgen konnte.

Wenn alles abgeklärt ist und keine Einwände bestehen, erfolgt der Transfer, und die Leihmutter fliegt nach 2-3 Tagen wieder zurück in die USA.

Nach 10 Tagen erfolgt ein Bluttest, um die HCG Konzentration im Blut zu ermitteln und zu sehen, ob eine Schwangerschaft erfolgt ist.

In unserem Fall wurden 3 Embryos transferiert. Leider kam es beim ersten Mal nicht zu einer Schwangerschaft.

Danach erfolgte eine Pause von drei Monaten und anschließend erneutem Transfer von 3 Embryos. Diese war dann erfolgreich.“

Noch eine „kleine“ Anmerkung zu den Kosten für die Leihmutter: Man zahlt ALLES!!! Wirklich ALLE KOSTEN!! Von Sprit der Leihmutter über Umstandskleidung, Reisekosten inkl. Verpflegung, Medikamente, falls sie Bettruhe verordnet bekommt, Lohnfortzahlungen, Nanny für ihre Kinder in der Zeit, in der sie im Krankenhaus war.“

Müttermagazin: „Das muss eine nervenaufreibende Zeit gewesen sein. Bangen, Hoffen und dann das große Glück mit der Krönung: die Geburt eures Kindes.“

B.: „Oh ja, das war eine aufregende Zeit. Im Februar erfolgte der 2. Transfer, und im Oktober kam unsere Prinzessin per Kaiserschnitt in den USA zur Welt.

Wir sind ca. 4 Tage vor dem Kaiserschnitt in die USA geflogen. Waren dann noch 4 Wochen nach der Geburt da (im Hotel), bis der bürokratische Teil erledigt war.

Die Einreise nach Deutschland war problemlos.

Aktuell bin ich dabei, das alleinige Sorgerecht zu erhalten. Sobald alles geklärt ist, wird mein Partner unsere kleine Maus in einem Adoptionsverfahren als Stiefkind adoptieren.“

Müttermagazin: „Du bist also der biologische Vater. Habt ihr euch im Vorwege darauf geeinigt, wer der Samenspender sein wird?“

B.: „Ich bin der Spender, weil bei mir der Kinderwunsch einfach immens wichtig war.
Wir haben uns auch überlegt, ob wir von meinem Partner und von mir Sperma nehmen und beides befruchten lassen und bei der Leihmutter transferieren. Allerdings bestand das Risiko , das es mit seinem klappt und mit meinem nicht. Oder umgekehrt. Das wollte ich nicht riskieren.

Der Wunsch nach einem eigenen Kind war bei mir schon immer da, eigentlich seit Jahren.
Als ich meinen Partner kennengelernt habe, habe ich ihm offen von meinem Wunsch erzählt. Am Anfang war er nicht 100% überzeugt davon, weil wir keine „typische“ Familie wären mit Mutter und Vater. Ich konnte ihn allerdings schnell überzeugen, und nun ist unsere Tochter sein Ein und Alles.“

Müttermagazin: „Wie haben eure Familien auf diesen Wunsch reagiert?“

B.: „Unsere Eltern haben uns zu 100% finanziell, aber auch emotional unterstützt und mitgefiebert. Vor allem waren meine Eltern zu 100% mit eingebunden von Anfang bis Ende.
Die Eltern von meinem Partner leben im Ausland, daher haben sie uns von dort aus unterstützt.“

Müttermagazin: „Stand von Anfang an fest, dass ihr euch für eine Leihmutterschaft entscheiden werdet?“

B.: „Wir haben alle Optionen, die uns zur Verfügung standen berücksichtigt ( Pflegekind, Adoption ) und uns letztendlich für die Leihmutterschaft entschieden.
Pflegekinder bringen meistens schon eine Vorgeschichte mit ( Alkohol, Drogen, Gewalt ), daher wollten wir den Kindern nicht noch das Leben erschweren, in dem Sie 2 Väter haben. Adoption ist leider ein sehr langes Verfahren mit vielen Voraussetzungen. Zumal die Möglichkeit bzw. die Aussicht bei homosexuellen Paaren noch immer nicht vielversprechend ist. Auch wenn es nicht wirklich zugegeben wird von den Behörden. Die Realität und die Gesellschaft machen es uns leider noch immer schwer.

Es gab einen Kollegen, der uns dann auf die Idee mit der Leihmutterschaft gebracht hat.“

Müttermagazin: „Was werdet ihr eurer Maus sagen, wenn sie irgendwann Fragen stellen wird?“

B.: „Wir haben uns entschieden, unserer Maus von Anfang an ehrlich zu erzählen, was „Sache“ ist bzw. war. Ja, die Eizellspenderin ist anonym.
Mit der Leihmutter haben wir noch immer Kontakt. Werden wir auch aufrecht halten. Sie kann diese auch kennenlernen, wenn sie später möchte.

Da sie seit ihrer Geburt mit 2 Vätern aufwächst, wird es für sie Normalität sein. Wir sind der Meinung, wenn man dem Kind die nötige Aufmerksamkeit, Wertschätzung und Liebe gibt, ist das eine gute Basis, um später mit atypischen Umständen besser umzugehen. Hoffen wir zumindest.“

Müttermagazin: „Magst du uns noch sagen, wie hoch die Kosten am Ende für euch waren?“

B.: „Die Gesamtkosten lagen bei 95000 Euro. Ich habe fast alles alles mit meinem Gesparten finanziert und auch durch die Hilfe meiner Eltern. Mein Partner hat das Kinderzimmer unserer kleinen Prinzessin eingerichtet.“

Müttermagazin: „Vielen Dank, dass ihr die Leserinnen und Leser an dieser wundervollen Geschichte teilhaben lasst.“

B.: „Wir freuen uns sehr, dass wir unsere Geschichte erzählen durften. So etwas muss halt echt Normalität werden. Leihmutterschaft, Eizellspende und der Wunsch, auch als homosexuelle Männer eine Familie zu gründen, ist noch immer ein Tabuthema. Es gibt wirklich sehr viele gleichgeschlechtliche Paare, die den Weg gegangen sind. Aber leider wird darüber halt nicht gesprochen.

Für uns war es die beste Entscheidung, die wir in unserem Leben getroffen haben und dass sie jetzt da ist: unsere entzückende Tochter.“

Müttermagazin: „Wir wünschen euch und eurer kleinen Familie alles Glück dieser Welt und hoffen, dass diese Familienform endlich anerkannt und in unserer Gesellschaft akzeptiert und toleriert wird!“

 

 

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Ich heiße Sandra, bin 43, Sternzeichen Waage. Ausgeglichen bin ich, aber auch manchmal wie ein Fähnchen im Wind, schmeiße gerne Pläne innerhalb kürzester Zeit um, sehr zum Ärger meiner Familie, die sehr strukturiert ist.

1 Comment

  • Toll dass Du dieses Thema so offen kommunizierst liebe Sandra! Ich hatte eine ähnliche Geschichte schon von einem Vater gehört ( da allerdings Zwillinge von jedem Vater eines).
    Ich bin für diese Paare sehr froh ob dieser Möglichkeit. Daran merkt man doch wie groß ein Kinderwunsch sein kann. Ich wünschen all diesen die Normalität im Alltag die es für sie und die Kinder benötigt. Und natürlich immer ganz viel Liebe!!!!
    LG Sanne

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