Das Band mit der Scheibe und der hormonelle Übergriff

Ich hoffe, ihr hattet einen schönen ersten Advent. Ich habe meinen in der Liegeposition verbracht. Bevor Ihr mir, die ja schwer vermittelbar ist laut meiner Mama, gratuliert, geht es hier zur Aufklärung. Mein Körper hat einen neuen Mitbewohner. Er heißt Einblutung in der Bandscheibe oder umgangsprachlich Bandscheibenvorfall genannt. Dass mich mal dieses Monster heimsucht, habe ich mir mit meinen zarten 29+ im Leben nicht erträumt. Auf Wiedersehen schönstes Office der Welt, no christmas shopping in New York. Stattdessen Couch, Ruhe und Streckbank bei meinem Chiropraktiker. Zwangspause ist angesagt, die nächsten 4 Wochen. No high heels, no styling, casual look ist in. Bei bad hair days gibt es meine Mütze.

Mein Rettungsring heißt RUHE.

Ruhe? Da habe ich wohl die Rechnung ohne den Mitbewohner meines Kindes gemacht. Er ist verantwortlich dafür, dass mein Sonnenschein so massive Wesensänderungen mitmacht, dass ich denke, ich muss mein Schlafzimmer abends abschließen.

Am Samstag habe ich dann auch mal ein wenig die Wohnung dekoriert, alles langsamer und wie unter einem Helm. Danke an die Pharmaindustrie, die mich seither auf einer Wolke unter einer Glocke schweben lassen. Als ich dann in das Jugendzimmer kam, das mal wieder einem Massaker glich, wollte ich zumindest dort eine kleine Deko hinstellen.

“Die Müllabfuhr würde an so einem Container vorbeifahren”, dachte ich mir, als ich den Mülleimer meiner Tochter sah. Sie wüssten nicht, wie sie die Tonne transportieren sollten. Denn das Ganze sah für mich nach einem Konzept aus, damit nichts herunterfällt. Aber wenn das passieren würde, dann wäre ein weicher Fall garantiert. Der Müll wurde nämlich schon bereits liebevoll um den Mülleimer drapiert. Das nenne ich mal Liebe zum Detail.

Ich atmete durch, aber nicht zu doll, denn das Atmen fällt schwer in einem Zimmer, welches nach Hormonen, vergessenen Sportklamotten, billigen Deos und lebenden Kulturen im Mülleimer riecht. Ist es nicht schön, wenn die Sonne in das Zimmer scheint und du, selbst durch schleichende Bewegung den Staub auf wirbelst, dass es einem Tornado gleicht?

Ich habe eine massive Hausstauballergie.

Gut, dass ich durch meinen Job eine Maske aus China habe, die uns vor Smog schützen soll und das Atmen erleichtert. Somit bin ich ausreichend geschützt, während ich versuchte, die Fensterbank von Slimerückständen und vertrocknetem Makeup zu befreien. Das kann man als Teenager auch übersehen, und das Beste ist: Mama macht es ja weg. So ist der Plan, ihrer jedenfalls. Sie möchte ein neues Zimmer, dann wird alles besser. Sagt sie.

Mein Plan war Kekse backen. Da ich so eingeschränkt bin, mußte eben der Fertigteig her. Ich habe mich schon die ganze Zeit gefragt, wo der Teig denn hin ist? Die Auflösung sah ich auf dem Schreibtisch: im Körper meines Kindes. Sie hatte fast den ganzen Keksteig inhaliert. Also fällt das Backen aus. Da freut sich mein Körper, der sich mit mir zusammen erst einmal von Sport und meinem geplanten Halbmarathon verabschieden muss.

Wir Mamas funktionieren einfach immer und irgendwie. Aber dürfen wir nicht auch einmal schwach sein? Es gibt Momente, in denen eine Schulter zum Anlehnen fehlt, ohne dass es ein Dauerbewohner wird. Mein Akku ist leer, die Last auf meinem Rücken konnte ich nicht mehr tragen, und so wurde ich ausgebremst. Ich kann diesen rebellierenden Mitbewohner meines Kindes nicht ertragen. Ich will auch mal auf den Arm. Jetzt! Ich will zu meiner Mama.

Mein Kind zieht aus für die nächsten Tage und zwar zu ihrem Papa. Sie empfindet es als Strafe, obwohl sie es doch gut hat bei ihm. Aber sie hat dort nicht die Alleinherrschaft, sondern ist Teil einer Patchworkfamilie. Sie muss sich unterordnen, wenn Regeln nicht eingehalten werden, gibt es Konsequenzen. Die gibt es bei mir auch, aber leider werde ich auch ganz oft schwach, wenn mich wieder einmal mein schlechtes Gewissen plagt.

Wie soll ich die nächsten hormongesteuerten Jahre überstehen? Wie viele Ratgeber muss ich denn lesen? Erst gestern wurden mir die Weihnachtswünsche serviert. „Du hast ja noch nichts für mich Mama“. Kürzlich habe ich nagelneue Kleidungsstücke aus ihrer Gefangenschaft im Schrank gerettet, über die sich jetzt ein anderes Kind freut. Da muss ja wieder Nachschub her. Sie hat nichts zum Anziehen. Schränke zu öffnen, ohne dass ich Angst haben muss, dass ich auch noch eine Fußverletzung kassiere, habe ich aufgegeben.

Mit fast 14 können wir Eltern doch erwarten, dass sich die Kinder selbst um ihre Zimmer kümmern oder? Bei der Waschmaschine wird immer so getan, als wenn sie im Waschsalon ist und kein Kleingeld dabei hat. Okay, ich mache das alles. Aber eine Grundordnung muss doch irgendwann mal im Zimmer sein. Ich denke, es wird aufhören, wenn der erste männliche Interessent zu Besuch kommt.

Dann werde ich alle 20 Minuten mit Schnittchen um die Ecke kommen und abends mehrmals stören, weil ich nicht einschlafen kann. Das sage ich ihr oft, natürlich bin ich neben peinlich auch eine coole Mutter und mache das nicht. Ich selbst habe nämlich als Teenager dieses Erlebnis gehabt. Meine Tante kam damals ungefragt in mein Zimmer und fragte meinen Freund (18) und mich (16) tatsächlich, ob wir denn schon Sex hätten. Ich bot ihr an, die Kerze zu halten, wenn es soweit wäre. Sie fragte nie wieder.

Ich weiß, diese ätzende Pubertät geht vorbei. Manchmal kommen auch noch die Momente, in denen sie sich ankuschelt und mir sagt, dass ich die tollste Mama auf der Welt bin.

Leider  ist das viel zu selten, aber es gehört  zu dieser Zeit dazu, in der sie sich von uns abnabeln und erwachsen werden. Vorbei die Zeiten, in denen Mama und Papa Helden waren. “Mama, ich bin kein Kind mehr”, diesen Satz höre ich fast täglich.

Gangster Rapper und das F- Wort kommen aus ihrer Musikbox.

Meine Nerven, mein Körper, mein Rücken!

Und jetzt lege ich mich gleich wieder auf die Couch und wünsche euch eine besinnliche Adventszeit!

 

Keine Macht dem pubertierenden Wesen!

Written By

Ich heiße Sandra, bin 43, Sternzeichen Waage. Ausgeglichen bin ich, aber auch manchmal wie ein Fähnchen im Wind, schmeiße gerne Pläne innerhalb kürzester Zeit um, sehr zum Ärger meiner Familie, die sehr strukturiert ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.